Egal ob Eltern, Schwester oder gute Bekannte – sobald sich nach oder im Sommer ein Wetterwechsel ankündigt und die Temperaturen sinken, wird von einigen in meinem Umfeld davon ausgegangen, dass allein das Wetter dafür zuständig ist, dass sich die Auswirkungen meiner Long-/Post Covid-Erkrankung reduzieren und es mir doch besser gehen müsste. Doch viele Menschen mit Long- bzw. Post Covid, ME/CFS und anderen chronischen und unsichtbaren Erkrankungen, haben nicht mehr Energie oder weniger Symptome, nur weil das Wetter milder wird.
Bei den zusammenhängenden Sätzen „Jetzt geht’s doch wieder besser. Das Wetter ist angenehmer“ wird automatisch davon ausgegangen, dass sich die angenehmeren Temperaturen körperlich bemerkbar machen. Doch das ist eben nicht zwingend so.
📌 Das Wichtigste zusammengefasst:
➡️ Kühleres Wetter bedeutet nicht automatisch, dass sich die Symptome von Long Covid, ME/CFS oder anderen chronischen und unsichtbaren Erkrankungen reduzieren
➡️ (Meine) Symptome richten sich nach dem Energiehaushalt und den Schmerzen, nicht nach den Außentemperaturen. Ein Crash kann bei 30+ Grad genauso passieren, wie bei 14.
➡️ Selbst ein an die Jahreszeit angepasster Wetterwechsel, belastet meinen Körper z. B. durch feuchtere Luft oder veränderten Luftdruck
➡️ Der Satz „Jetzt ist es doch (wieder) kühler, dann geht’s dir besser“, kann Betroffene von Long Covid, ME/CFS oder chronischen und unsichtbaren Erkrankungen unter Druck setzen, statt Mitgefühl oder Empathie zu vermitteln.
➡️ Was stattdessen hilft: kein Vergleich, keine Erwartung – nur echtes, reines Interesse am Gegenüber.
Ausgangssituation: Sommer mit Long Covid und/oder ME/CFS
Wie bereits in meinen beiden vorherigen Blogartikeln Hängesessel um Mitternacht: Mein Sommer mit Long Covid & ME/CFS und Hitzeintoleranz bei Long Covid: Sommer verstehen & meistern erwähnt, hat mir der Sommer mal wieder viele Bett-Tage (Crashs) aufgrund PEM beschert.
In diesen Zeiten kann ich nicht telefonieren, bin froh, wenn überhaupt noch meine Stimme da ist. Also werden Gespräche auf das Wesentliche beschränkt. Und wie das so ist im Spätsommer: irgendwann werden die Nächte kühler, die Temperaturen am Tag weniger. Ich kann wieder etwas längere Gespräche führen. Am Telefon kommt der Satz, den ich in den letzten Jahren schon x-mal gehört habe: „Jetzt ist doch für dich auch wieder besser, bei den niedrigeren Temperaturen.“
Meine Reaktion darauf? Nach außen hin neutral. Ich höre zu, erwidere zwischenzeitlich nichts mehr darauf und beende meist zeitnah das Gespräch. In mir drinnen sieht es jedoch anders aus, da ärgere ich mich wahnsinnig. Aber ich verteidige mich nicht mehr. Ich erkläre nicht mehr. Denn es kommt eh nicht an. Und ich wette jetzt schon, dass ich genau diesen Satz in den nächsten Wochen wieder hören werde.
Denn eins ist klar:
Kühleres Wetter mildert die Symptome einer chronischen Krankheit wie Long Covid oder ME/CFS nicht unbedingt. Sie passen sich nicht einer bestimmten Außentemperatur an und haben einen ganz eigenen, unberechenbaren Verlauf.
Der Wetter-Wohlfühl-Trugschluss: Warum gesunde Maßstäbe bei chronischer Krankheit nicht funktionieren
Der Wetter-Wohlfühl-Trugschluss (ich nenne das jetzt einfach mal so) ist die automatische Annahme von gesunden Menschen, dass kühleres, angenehmeres Wetter bei einer chronischen Krankheit wie Long Covid oder ME/CFS für weniger Symptome und somit gleichzeitig für spürbare Besserung sorgt. Sie vergleichen es mit ihrer eigenen Empfindung: kühler = verträglicher für Herz und Kreislauf = ihr geht’s wieder gut. Nicht nur besser, sondern gut.
Das Problem an der Gleichung: Derjenige, der so denkt, muss sich nicht täglich mit einer chronischen und unsichtbaren Krankheit auseinandersetzen. Es wird außer Acht gelassen, was bei ME/CFS- und Long Covid-Betroffenen tatsächlich passiert.
Bei vielen von uns ist das autonome Nervensystem gestört. Dadurch reagieren wir auf Auswirkungen, die auf jegliche Art von außen auf uns einprasseln, sehr empfindlich. Dazu gerät im Regelfall unser Körper bei Hitze schneller aus dem Gleichgewicht als bei Gesunden. Natürlich fällt ein Belastungsfaktor weg, sobald es kühler wird. Aber weniger Hitze bedeutet nicht, dass die Krankheit nicht mehr existiert oder weniger heftige Auswirkungen nach sich zieht. Es bedeutet nur, dass ein zusätzlicher Trigger wegfällt, der viele von uns im Sommer massiv belastet.
Doch auch hier gibt es Unterschiede: Manche Long Covid- und ME/CFS-Betroffene berichten, dass sich ihr Nervensystem irgendwann an die anhaltende Wärme gewöhnt. Hier kostet dann bereits die Anpassung weniger Grad Celsius, Energie und Kraft. Somit wird auch hier der Glaubenssatz „kühler = besser“ nicht bestätigt.
Warum bleibt die Unberechenbarkeit bestehen, auch wenn’s kühler wird?
Sie bleibt, weil sich meine Energie nicht nach der Außentemperatur richtet, sondern nach einem ganz eigenen System.
Was viele nicht wissen: Meine Energie funktioniert nicht wie ein Akku, der bei angenehmeren Temperaturen automatisch mehr Kapazität hat. Ich muss meine Energie einteilen und gut damit haushalten (= Pacing ausüben). Selbst bei niedrigen Temperaturen reagiert mein Nervensystem auf Berührung oder Belastung mit Schwindel, Übelkeit und einem inneren Kribbeln. Kühleres Wetter macht mich auch nicht immun gegen den nächsten Rückfall, der ganz unabhängig von der Jahreszeit kommt und geht.
Genau das übersieht dieser Glaubenssatz: Trotz der Zeit, die seit meiner Covid-Infektion im April 2021 vergangen ist und den mittlerweile gesammelten Erfahrungswerten, bleibt mein Zustand unberechenbar, nicht planbar und auch nicht an einer Wetter-App ablesbar.
Wer das verstehen will, muss also zwei Dinge gleichzeitig mitdenken: den kurzfristigen Trigger (Hitze, Kälte, Lärm, ein anstrengender Tag) und das langfristige Energiekonto, das unabhängig davon geführt wird. Ein kühler Tag kann das eine entlasten und am anderen trotzdem nichts ändern. Genau deshalb bringt mich „aber es ist doch kühler“ auch nicht weiter, wenn mein Konto seit Tagen im Minus ist.
Erwartung vs. Realität
Ich kann nicht sicher sagen, ob der Satz „Jetzt ist es doch (wieder) kühler, dann geht’s dir besser“ trösten soll oder mitfühlend gemeint ist. Ich vermute beides.
Mich setzt er auf jeden Fall auf eine unangenehme Art unter Druck. Denn was da mitschwingt, ist Erwartung und irgendwie auch Erleichterung zugleich: Es muss dir doch jetzt bessergehen. Weil es aus Sicht meines Umfelds ein nachvollziehbarer „normaler“ Vorgang ist, sofern die (Sommer)Temperaturen sinken.
Dieser Gedankengang vermittelt mir das Gefühl, dass mein Gegenüber sich entweder (noch) nicht wirklich mit der Krankheit
- beschäftigt und/oder diese verstanden hat,
- es nicht verstehen will,
- oder sämtliche Symptome und Auswirkungen ignoriert.
Das Fieber, die Schmerzen, die fehlende Stimme und die Erschöpfung vor drei Tagen werden dabei einfach ausgeblendet. Das verletzt und ärgert mich an vielen Tagen.
Gut gemeinte Worte, die trotzdem treffen
Worte haben Macht – auch die, die eigentlich aufbauen sollen, aber genau das Gegenteil bewirken, weil sie an der (meiner) Realität vorbeigehen. Gefühlt machen sie meine Krankheit harmloser als sie ist und mich unsichtbarer und kleiner, als ich es ohnehin bin.
Was du stattdessen sagen könntest (oder lieber lassen)
Wenn du zu meinem Umfeld gehörst und dich jetzt ertappt fühlst: Tja, würdest du mal mir genauso aufmerksam zuhören, wie du das hier liest. Ich weiß, dass du mich schätzt und mir dein Mitgefühl sicher ist. Aber ich brauche keinen hinkenden Vergleich, der von deiner eigenen (gesunden) Erfahrung auf meine Situation schließt. Am besten wäre gar kein Vergleich, kein „aber immerhin…“ oder dergleichen. Lass uns beiden Raum und den Respekt, vor der jeweiligen Lebensleistung.
Ach ja, was du z. B. statt „Jetzt ist es kühler, dann geht’s dir doch besser“ fragen könntest:
➡️ „Wie geht es dir gerade mit den niedrigeren Temperaturen?“
➡️ „Bemerkst du durch das kühlere Wetter irgendeine Veränderung?“
Oder ganz ohne Wetterbezug:
➡️ „Wie geht es dir heute?“
Warum widerspreche ich nicht mehr?
Weil es nichts verändert. Meine Erklärung kommt ohnehin nicht an.
Früher habe ich erklärt und aufgezählt, welche Symptome, trotz der kühleren Temperaturen, immer noch präsent sind. Ich wollte verstanden werden.
Mittlerweile bin ich abgestumpft und gleichzeitig innerlich in Aufruhr, wenn ich den Satz höre. Was sich verändert hat, ist, mich nicht mehr für einen Zustand zu rechtfertigen, den ich mir eindeutig nicht ausgesucht habe. Daher ist in meinen Augen keine Antwort oder Reaktion auf solche Fragen, auch eine Antwort.
Fazit: ein kranker Körper folgt nicht dem Thermometer
Während angenehmere Temperaturen bei den meisten Menschen eine spürbare Erleichterung auslösen, hält sich meine chronische und unsichtbare Krankheit herzlich wenig daran.
Ein milder, schöner Herbsttag, kann durch die Symptome meiner Erkrankung ein schöner, aber schwerer Tag sein. Mein Körper reagiert auf Wetterwechsel und Veränderungen, die andere gar nicht wahrnehmen wie z. B. eine feuchtere Luft oder einen veränderten Luftdruck. Daher würde mir persönlich am meisten helfen, wenn so ein Satz wie eingangs erwähnt, einfach gar nicht mehr fällt. Kein Vergleich, keine Erwartung. Einfach nur echtes Interesse an mir und den Auswirkungen meiner Erkrankung.
Wie ist das bei dir: Kennst du diesen Moment auch, in dem du merkst, dass Widersprechen zu viel „Kraft“ kostet und/oder du keinen Bock mehr darauf hast? Falls ja, wie wirkt sich das bei dir aus? Was geht dir im Kopf rum und welche Situationen betrifft es?
Häufig gestellte Fragen
Warum geht es Betroffenen von Long Covid, ME/CFS oder chronischen bzw. unsichtbaren Erkrankungen bei kühlerem Wetter nicht automatisch besser?
Weil die Symptome nicht (nur) von der Außentemperatur abhängen, sondern vom gesamten Energiehaushalt. Die Krankheit verschwindet nicht, nur weil Temperaturen sinken oder sich generell ändern. Die Unberechenbarkeit der Erkrankung, die Schmerzen und die Erschöpfung bleiben.
Mein Körper folgt somit nicht dem Thermometer. Meine Symptome sind weiterhin da, aber vielleicht nicht mehr ganz so stark wie an heißen Tagen.
Was ist PEM, und was hat es mit dem Wetter zu tun?
PEM (Post-Exertionelle Malaise) ist die Verschlechterung der Symptome nach körperlicher, geistiger oder emotionaler Anstrengung – unabhängig vom Wetter. Ein Crash kann bei 30 Grad genauso passieren wie bei 15.
Die eigentliche körperliche, kognitive oder auch emotionale Belastung war Stunden oder auch Tage vorher. Die Überlastung zeigt sich bei mir nicht nur darin, dass ich null Energie habe, jede Bewegung ein Kraftakt ist und mein Kopf nicht mehr funktioniert. Sie zeigt sich auch in Fieber, Schüttelfrost, Muskel-/Gelenk- und Nervenschmerzen sowie Tinnitus.
Über die Autorin
Ich bin Severine Tanja Rein und lebe seit April 2021 mit der Diagnose Post-/Long Covid und ME/CFS.
Auf meinem Blog atemdenkschaltwerk teile ich meine Gedanken, Erfahrungen, Strategien und inneren Prozesse aus meinem Alltag mit chronischer Krankheit. Mein Ziel dabei ist, chronische und unsichtbare Krankheiten sichtbarer zu machen. Denn wir sind mehr als unsere Symptome. Unsere Geschichten verdienen es, gehört zu werden.
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Liebe Sevi, vielen Dank für diesen einfühlsamen Artikel.
Ich kann das alles total nachvollziehen. Es gibt diese Sätze, bei denen ich auch einfach nichts mehr sage, weil mir meine Energie dafür zu schade ist – weil ich weiß, dass es nicht richtig verstanden wird oder eine Rechtfertigung kommt.
Und ja, das Wetter ist einfach ein Thema, und es gibt nicht das perfekte Wetter.
Natürlich sind die extremen Hitzetage noch anstrengender, aber das heißt eben leider nicht, dass es uns an kühleren Tagen automatisch gut geht. Ich habe im letzten Winter herausgefunden, dass ich regelmäßig crashe, wenn ich kalte Füße bekomme oder etwas zu lange friere – wobei ich das „zu lange“ nicht genau definieren kann. Das Blöde ist, dass ich mit dieser Erkrankung stärker friere als früher. Inzwischen trage ich meine Thermohose schon, wenn draußen noch Plusgrade sind!
Wie schön, dass du auch Alternativen aufschreibst, denn ich kann mir vorstellen, dass viele Freundinnen und Angehörige einfach unsicher sind und nicht wissen, was sie sagen können. Als ich noch gesund war, ging es mir auch oft so, dass ich sprachlos war gegenüber kranken oder behinderten Menschen. Ich war einfach unsicher.
Liebe Grüße
Anke