Medical Gaslighting und die Angst vor Klinikaufenthalten bzw. Ärzten

Wieder sind vier Monate vergangen. Mein nächster stationärer Kontroll-Termin in der Klinik steht an. Alles schreit und wehrt sich in mir gegen diesen Krankenhausaufenthalt, der täglich näher rückt.

Medical Gaslighting zerstört Vertrauen. Denn trotz dem Wissen, dass die Kontrolle sinnig ist, ist die Vorstellung davon, Hilfe in Anspruch zu nehmen mit Angst besetzt. Das geht so weit, dass ich 1.000-mal lieber zu Hause bleiben möchte, als diesen nächsten Weg anzutreten. Der Grund hierfür ist einfach: ich werde mich wieder mal behaupten und um die Anerkennung meiner Symptome kämpfen müssen.

Medical Gaslighting, das Nichtanerkennen von körperlichen Symptomen durch Ärzte, ist für viele Menschen mit Long Covid und ME/CFS kein Einzelfall, sondern bitterer Alltag.

Die Folgen: Vertrauensverlust, Selbstzweifel und die Angst vor medizinischen Einrichtungen, die das Einholen dringend benötiger Hilfe erschwert oder verhindert.

Dieser Artikel beleuchtet aus persönlicher Perspektive:
➡️ Was Medical Gaslighting ist und woran du es erkennst
➡️ Warum das Krankenhaus zum Auslöser eines Crashs werden kann (PEM und ME/CFS)
➡️ Welche Folgen medizinisches Gaslighting für Betroffene hat
➡️ Und was hilft

Wenn die Diagnose zur Verhandlungssache wird

Wenn du chronisch krank bist, gibt es eine Art der Erschöpfung, die nichts mit dem Körper zu tun hat. Diese kommt genau dann, wenn du einem Arzt gegenübersitzt oder -stehst, und dieser auf einmal sagt: „Sie sehen doch gut und gesund aus. Ihre Blutwerte sind in Ordnung. Völlig unauffällig. Vielleicht ist es Stress. Lesen Sie zu viel im Internet nach und lassen sich von anderen Geschichten treiben?“

Zack. Du schließt die Augen, atmest ein und langsam wieder aus. Zählst innerlich bis zehn. Schon wieder werden deine Symptome abgetan, umdefiniert oder schlicht ignoriert.

Es ist nichts Neues. Zwischenzeitlich kennst du die Situation, denn du hast sie seit Beginn deiner chronischen und unsichtbaren Krankheit schon zig-mal erlebt: Deine Symptome werden trotz deiner Aussagen nicht ernst genommen.

Der darauf folgende Weg ist ebenso eine bekannte Dauerschleife: Du erklärst dich wieder mal neu, rechtfertigst deine Aussage und kannst sie vielleicht sogar durch Beispiele untermauern. Doch der Arzt bestimmt, was im Arztbericht steht.

Wie erkenne ich Medical Gaslighting?

Typische Anzeichen sind, wenn:

  • du bei der Erklärung/Nennung deiner Symptome seitens des Arztes oft unterbrochen wirst
  • die Symptome heruntergespielt, ignoriert oder psychologisiert werden
  • keine Kommunikation auf Augenhöhe stattfindet
  • Untersuchungen abgelehnt werden
  • du beginnst an dir selbst zu zweifeln
  • dich Emotionen wie Frust, Wut oder Angst überkommen und
  • du keinen Wert auf weitere medizinische Betreuung legst

Bei chronischen Krankheiten wie z. B. Long Covid und ME/CFS erleben Betroffene oft, dass ihre Erkrankung auf psychische Ursachen zurückgeführt werden, an denen man unter Umständen sogar selbst Schuld sein soll. Das Tragische daran ist, dass man ins Krankenhaus oder zu Ärzten geht, weil man Hilfe braucht bzw. sie erwartet. Und heraus kommt man damit, dass die Erkrankung und die einhergehenden Symptome anscheinend gar nicht so real sind, wie man sie fühlt. Betroffene müssen darum kämpfen, ernst genommen zu werden.

Doch genau hier liegt in meinen Augen die Krux. Ein Vertrauensbruch liegt vor: Man ist krank und kann dem System nicht trauen, weil die Krankheit vielleicht unbekannt bzw. unerforscht ist und/oder (Symptom)Auswirkungen hat, die nicht bei jedem gleich sind und der Norm entsprechen.

Welche Folgen hat Medical Gaslighting für Betroffene?

Mögliche Folgen sind:

  • Selbstzweifel
  • Angst vor Ärzten und Klinikaufenthalten bzgl. Unsichtbarkeit, Demütigung oder „sich beweisen müssen“
  • Vertrauensverlust in die Medizin, zu den Ärzten, in Krankenhäuser und/oder Reha-Einrichtungen
  • Stigmatisierung
  • falsche oder zu späten Diagnose
  • verzögerte Behandlung der Erkrankung bzw. Symptome
  • hoher Leidensdruck
  • Rückzug bzw. soziale soziale Isolation

Gründe für Medical Gaslighting

Das Problem ist nicht unbedingt ein böser Wille seitens der Ärzte.

Zeit ist Geld und die haben die wenigsten Ärzte im Überfluss – egal ob in den Praxen oder Kliniken. Ein Unternehmen muss rentabel sein. Die Wartezimmer bzw. Klinikstationen voll. Ich möchte das nicht schönreden, aber die Politik bestimmt und trägt ihren Anteil an der Situation. Der Zeitdruck bei den Ärzten kommt somit auch von oben.

Auch zwischenmenschliche Kommunikation oder „gelebte“ Hierachien können Gründe sein.

Oft ist auch ein Unwissen über chronische und unsichtbare Erkrankungen, die nicht der Norm und vielleicht auch nicht dem ärztlichen Alltag entsprechen, der Grund. Das wiederum zeugt von dem Mangel an Forschung von Krankheiten wie z. B. Long-/Post Covid und ME/CFS und den fehlenden Leitlinien.

Krankenhaus als Auslöser eines Crashs

Patienten zuzuhören und das Gesagte richtig einzuordnen, ist meiner Meinung nach mittlerweile sehr stark von den Intension des Arztes abhängig.

So ist z. B. PEM, die Post Exertional-Malaise, das Kernmerkmal von ME/CFS, in vielen medizinischen Einrichtungen unbekannt. Das grelle Licht in Klinik- oder Arztzimmern, der Lärm, die (emotionalen) Gespräche, Unterbrechungen durch Untersuchungen oder dergleichen, triggern uns und lösen PEM bzw. einen Crash aus.

Ebenso sind Behandlungspläne die auf Aktivierung, Bewegung und Aufbautraining setzen, für uns im Regelfall das Gegenteil von Heilung. Sie destabilisieren unseren Körper mehr, als dass sie uns helfen und den Körper in Balance halten.

Wir versuchen zu erklären, warum wir beispielsweise nach dem gestrigen Gespräch kaum aufstehen können. Warum wir immer weniger Energie haben und woher uns diese gezogen wird. Doch wir ernten meist nur Unverständnis, trotzdem, dass während des Gespräches genickt und Verständnis gezeigt wird.

Das ist Medical Gaslighting in seiner alltäglichen Form. Ein Dauerzustand, in dem die eigene Realität von Menschen mit chronischen und unsichtbaren Erkrankungen durch Menschen in weißen Kitteln und medizinischem Hintergrund untergraben wird.

Wie sich die Angst vor Klinkaufenthalten oder Ärzten bei mir zeigt

Diese Angst zeigt sich mir in mehreren Gesichtern:

  • Es wird einem nicht geglaubt. Im Krankenhaus sind es im Regelfall immer andere Ärzte. Während man eh schon kaum Ressourcen hat, sich zu erklären, muss man zuerst jemandem beweisen, der eh kaum Zeit hat, dass die Symptome real sind. Doch wo beginne ich? Was interessiert den Arzt? Schaut er sich mein Symptom-Tagebuch an? Hört er mir wirklich zu oder ist er aufgrund seines Arbeitspensums bereits beim nächsten Patienten?
  • Kontrolle abgeben. Zu Hause und im Alltag habe ich mir mühsam ein System aufgebaut, dass mich trägt – geprägt durch viele Pausen bzw. dem Einhalten meiner wichtigsten Strategie: dem Pacing. Ich kenne im Regelfall meine Grenzen, die Auslöser, das Tempo, mit dem ich den Tag bewältigen kann. In der Klinik habe ich darauf keinen Einfluss. Ich bin notgedrungen in einem Rhythmus gefangen, der nicht meiner ist. Aber diese Aussage geht meist unter.
  • Wieder von vorne beginnen zu müssen. Jeder neue Arzt, jede neue Pflegeperson (wobei die sich selten ändern) bedeutet, sich neu erklären zu müssen, um Glauben oder Anerkennung der Symptome zu kämpfen. Für mich ist das emotionale Schwerstarbeit, wobei ich eh kaum Reserven habe. Ich möchte nicht diskutieren müssen. Ich will nur Vertrauen in mein persönliches Empfinden.

Wo finden Betroffene mit chronischen Erkrankungen wie z. B. Long Covid und ME/CFS bei Medical Gaslighting Hilfe und Unterstützung?

Aufgrund ihrer Erfahrungen landen viele Betroffene irgendwann im Internet in diversen Foren und Communities. Dort treffen sie auf andere, die dasselbe erlebt haben oder nach wie vor noch immer wieder erleben.

In diesen „Räumen“ teilen Menschen ihre Erfahrungen bzw. Begegnungen mit Ärzten, tauschen Tipps und Empfehlungen bzgl. Kliniken aus und erzählen von den Menschen, die sie ernst nehmen und unterstützen.

Unter anderem findest du in diesen Communities Antworten auf Fragen wie beispielsweise diese:

  • Wie gehe ich mit Ärzten um, die Long Covid oder ME/CFS nicht ernst nehmen?
  • Wo finde ich Ärzte, die mir glauben und die sich mit der Erkrankung auskennen?
  • Was sage ich, wenn wieder mal jemand meint, das sei alles nur psychisch?
  • Wie schütze ich mich vor weiteren schlechten Erfahrungen?

Dieser Austausch untereinander hilft ungemein, denn er entlastet uns ein Stück weit und bestätigt uns darin, dass wir nicht alleine sind.

Was du tun kannst, um dich besser vor Medical Gaslighting zu schützen

Du allein kannst das Gesundheitssystem nicht reparieren. Aber du kannst einen Rahmen schaffen, der dir im Vorfeld ein Gefühl von Sicherheit vor Arzterminen oder Klinikaufenthalten gibt.

  • Bereite dich (in kleinen Etappen) auf den Termin vor. Falls du kein Symptom-Tagebuch führst, das du zu dem Termin mitnehmen könntest, schreibe deine wichtigsten und alltäglichen Symptome auf. Idealweise notierst du dir gleich ungeklärte Fragen, die du beantwortet haben möchtest.
  • Organisiere eine Begleitung. Falls möglich, nimm eine Person zu dem Termin mit, die dich kennt und im Gespräch unterstützen kann. Sie kann z. B. die Auswirkungen der Symptome auf deinen Alltag ergänzen und ist gleichzeitig eine Zeugin für das, was passiert.
  • Setze klare Grenzen. Teile den Ärzten mit, wenn du dich bei bestimmten Aussagen oder vorgeschlagenen Maßnahmen unwohl oder missverstanden fühlst. Du darfst zuerst über eine evtl. Untersuchung in Ruhe nachdenken und musst dich nicht unter Druck setzen (lassen), falls dein Bauchgefühl dagegen ist
  • Denke über einen möglichen Arztwechsel nach. Auch wenn es anstrengend ist: Manchmal ist ein Arztwechsel ein Akt von Selbstschutz. Wenn du dich nicht gut aufgehoben fühlst, suche nach jemanden, der dich ernst nimmt, offen ist und sich im besten Fall sogar mit deiner chronischen oder unsichtbaren Erkrankung auskennt.
  • Glaube an dich und zweifele nicht. Deine Symptome sind real, auch wenn sie von anderen nicht gesehen oder nachvollzogen werden. Dein Körper lügt nicht. Bleibe standhaft und stehe für dich ein.

Was ist der Unterschied zwischen Medical Gaslighting und Gaslighting?

Der Unterschied zwischen beidem ist der, dass das Gaslighting bewusst bösartig von deinem Umfeld ausgeht. Du, als Betroffener, wirst gezielt manipuliert, was dazu führt, dass die auftretende Verunsicherung und der damit einhergehende Zweifel deine Wahrnehmung und dein Selbstbewusstsein beeinflusst. Gaslighting begegnet einem im sozialen Umfeld wie z. B. am Arbeitsplatz oder in Beziehungen.

Das Medical Gaslighting wird von Menschen mit medizinischen Hintergrund ausgelöst. Hier werden Symptome von Ärzten oder medizinischen Fachkräften heruntergespielt, ignoriert und/oder auf die Psyche geschoben.

Fazit

Medical Gaslighting ist ein Begriff, den ich nicht gerne benutze. Aber es ist nun mal der Name für das, was mit chronisch und unsichtbaren Menschen oft passiert: Ihre Erkrankung wird stigmatisiert. Die Lösung hierfür liegt in meinen Augen darin, dass uns Ärzte mehr Zeit und Vertrauen schenken sollten. Denn ich kenne mich und meine Körper besser als jeder andere und weiß daher, wenn bei einer Erkrankung etwas nicht so ist, wie es sein sollte – egal, ob diese Auswirkungen nun mal in einem Lehrbuch stehen oder nicht.

Wenn auch du als Betroffener jetzt diesen Text liest und innerlich an manchen Stellen denkst: „Ja, genau so ist es“, bist du Teil einer großen, aber leider oft unsichtbaren Gruppe von Menschen, die sich täglich durch einen Mix aus Krankheit, Unverständnis und strukturellem Versagen kämpfen. Du bist nicht kompliziert oder zu sensibel, wenn dich seit deiner Krankheit Arzttermine oder Klinikaufenthalte mehr stressen als beruhigen.

Denke immer daran: Du hast ein Recht auf respektvolle Behandlung, auf ernst gemeintes Zuhören in einem medizinischen Umfeld, das nicht nur Laborwerte, sondern auch dich als Menschen sieht. Und bis dieses System wirklich dort ankommt, wo es sein müsste, darfst du alles tun, was dir hilft, dich und deine Energie zu schützen.

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FAQ

Was ist Medical Gaslighting?

Medical Gaslighting ist das ärztliche herunterspielen, ignorieren, umdeuten oder psychologisieren von Symptomen bei einer Erkrankung.

Wer ist in der Regel von Medical Gaslighting betroffen?

Betroffen von Medical Gaslighting sind häufig Menschen mit chronischen und unsichtbaren Erkrankungen oder Krankheiten, die noch nicht sehr erforscht sind. Desweiteren fallen auch die Menschen darunter, die entweder zu jung für eine bestimmte Krankheit sind oder Symptome zeigen, die „nicht üblich“ sind.

Wie gehe ich bei Medical Gaslighing mit abweisenden Ärzten um?

  • Grenzen setzen
  • nachfragen, wie sie auf diesen Schluss/diese Erkenntnis kommen
  • Symptom-Tagebuch führen
  • selbst über die Krankheit informieren und Zusammenfassungen oder Ausdrucke/veröffentliche Fragebögen bzw. Artikel vorlegen
  • Zweitmeinung einholen
  • Bitte um Korrektur oder Ergänzung der Symptome im Arztbericht
  • selbstbewusst und hartnäckig bleiben

Wo bekomme ich bei Medical Gaslighting Hilfe?

In Foren/Communities, Selbsthilfegruppen und/oder der unabhängigen Patientenberatung

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