Wertlos fühlen, weil ich keine (Arbeits)Leistung mehr erbringe? Definitiv NEIN.

Frau an Weggabelung – Wertlos fühlen bei chronischer Krankheit: Wert durch Sein statt Leistung. Das Bild zeigt eine weibliche Person im blauen Hoodie und hochgesteckten Haaren an einer Weggabelung. Rechts von ihr ist in einem weißen Feld die Frage formuliert "Krank = Wertlosigkeit?". Rechts ist ein Schild mit zwei Richtungsanzeigen. Das rote zeigt nach links und dort steht "Wert = Leistung". Auf dem blauen steht "Wert = Sein".

Du kennst bestimmt den Gedanken von Wertlosigkeit in Verbindung mit deiner chronischen und unsichtbaren Erkrankung. „Früher“ war das Leben voller Möglichkeiten, voller Selbstverständlichkeit, voller Aufgaben. Heute kostet jeder Schritt Kraft, jede Entscheidung wird von der Erkrankung beeinflusst. Und irgendwann kommt der Gedanke: „Was bin ich noch wert, wenn ich nichts mehr leisten kann?“

Es ist ein leiser, bohrender Satz, der sich in deinen Kopf frisst. Ein Satz, den vermutlich viele von uns kennen. Denn in einer Welt, die Erfolg, Produktivität, Aktivität und Durchhaltevermögen als Maßstab für den eigenen Wert sieht, wiegt dieser Gedanke schwer. Plötzlich fühlt sich das Leben an wie ein Schatten dessen, was es mal war. Du bist in den Augen einer Gesellschaft, die Leistung über alles stellt, auf einmal wertlos.

Doch was, wenn dieser Ansatz nicht mehr wahr ist? Wenn unser Wert nicht gekoppelt ist an das, was wir tun?

📌 DAS WICHTIGSTE ZUSAMMENGEFASST
Du fühlst dich wertlos, weil du z. B. durch eine chronische und unsichtbare Krankheit nicht mehr die (Arbeits)Leistung erbringen kannst, die du früher erbracht hast?

Der Gedanke ist nachvollziehbar, aber falsch. Dein Wert als Mensch hängt nicht davon ab, was du arbeitest oder produzierst. Er war nie daran gebunden. Du hast ihm diesen Stellenwert gegeben.

In diesem Artikel erfährst du:
➡️ Woher der Glaubenssatz Leistung = Wert kommt und warum er auch chronisch Erkrankte betrifft
➡️ Warum unsere Leistungsgesellschaft ein falsches Bild von Wert vermittelt
➡️ Wie du anfängst, jenseits von Produktivität und Arbeitsfähigkeit, deinen Selbstwert neu zu definieren

Woher kommt das Gefühl, wertlos zu sein, und warum trifft es chronisch Kranke so hart?

Der Glaubenssatz „Leistung wird durch Arbeit definiert“ hat tief verwurzelte historische, gesellschaftliche und kulturelle Ursprünge. Es ist sozusagen das Ergebnis jahrhundertelanger Entwicklungen, die sich bis heute in unserem Denken und Handeln widerspiegeln. Selbst persönliche Erfahrungen und Verankerungen aus der Kindheit spielen bei diesem Glaubenssatz eine Rolle.

Lob gab es für gute Arbeit,
nicht fürs „einfach Sein“.

In meinem Umfeld bedeutet das Nachgehen einer regelmäßigen (bezahlten) Arbeit, wertvolle Leistung zu erbringen. Leistung, die in das Gemeinwohl einzahlt. Und es bedeutet natürlich auch, dass meine Arbeit entlohnt wird und ich daher mein Leben so leben kann, wie ich will und es mir finanziell möglich ist. Im Außen wird dies sichtbar durch materielle Dinge und/oder den Status.

Doch ist es wirklich so? Ist es vielleicht sogar nicht eher hinderlich, weil somit das Prestige nach Außen und das, was es darstellt, mehr zählt, als das, was jeder einzelne von uns im Alltag wirklich leistet?

Und warum betrifft dieses Denken besonders Menschen mit chronischer und unsichtbarer Erkrankung so hart?

Die Antwort ist einfach: weil wir nicht nur krank sind, sondern gleichzeitig das verloren haben, womit wir uns jahrelang definierten. Der Arbeit. Der Produktivität. Und dem Gefühl, gebraucht zu werden. Wer sich somit vor der Erkrankung (fast) nur durch seine Leistung identifiziert hat, fühlt sich plötzlich nicht nur körperlich eingeschränkt, sondern auch leer und wertlos. Deshalb ist das Gefühl des Wertlos-Fühlens bei chronisch Erkrankten oft kein flüchtiger Gedanke, sondern ein tiefer Einschnitt in die eigene Identität. Und genau das macht es so schwer und gleichzeitig so wichtig, ihn zu hinterfragen.

Warum ist dieser Glaubenssatz so hinderlich?

Ein Glaubenssatz, der in vielen Köpfen steckt: Nur wer arbeitet, bringt messbare Leistung.

Auch bei mir war lange der Gedanke präsent. Da ich keine Kinder habe, identifizierte ich mich bis zu meiner Erkrankung mit meiner Arbeit. Die Arbeit war mein Bestätigungsfeld per se und dieser durfte ich mich voll und ganz widmen. Dadurch erhielt ich die Möglichkeit, mich selbst zu fordern und zu fördern. Und ich hatte das Gefühl, gebraucht zu werden. Meine Ideen, das sichtbare Vorankommen von Projekten bis zur finalen erfolgreichen Durchführung, das Führen des Teams und der Erfolg der Teilnehmer waren meine täglichen Highlights.

Doch wie ist es, wenn Frauen ihre (Arbeits)Leistung unfreiwillig abgesprochen wird? Wenn, wie bei mir, eine Erkrankung wie Long Covid oder ME/CFS das Leben crasht und nichts mehr ist, wie es war? Auf einmal ist es nicht mehr möglich, arbeiten zu gehen. Selbst die Hausarbeit kann nicht mehr von mir in dem gewohnten Umfang ausgeführt werden, wie ich es gerne hätte. Und meine Ehe bzw. Partnerschaft? Na ja, die hatte auch schon ausgeglichenere Tage.

Manchmal zweifle ich, wenn Leute zu mir sagen: „Ich wäre froh, wenn ich so viel Zeit hätte wie du“. Was dabei übersehen wird: Ich habe nicht „frei“, sondern ich kämpfe täglich mit und für meine Gesundheit. Oder auch bei einem Satz wie diesem kann ich nur den Kopf schütteln: „Was willst du denn? Du bekommst doch Geld für’s zu Hause sein – ich, im Gegensatz, muss hart dafür arbeiten“.

Bei diesen genannten Vorteilen kann man es kaum glauben, aber ich würde sehr gerne mit dieser Person tauschen. Denn die von Außen wahrgenommene Situation, erzählt nur eine Seite der Geschichte. Dabei sehen die Leute nur das, was sie sehen wollen und bereit sind, Zeit dafür aufzuwenden.

Leistung gleich Wert? 3 Fragen, die diesen Gedanken ins Wanken bringen

Die große Frage ist: Wird Leistung wirklich nur durch Arbeit definiert?

Ein Perspektivwechsel kann hierbei helfen:

  • Ist eine Mutter, die ihr Kind liebevoll großzieht, nutzlos, weil sie kein Geld verdient?
  • Ist ein kranker Mensch, der sich täglichen Herausforderungen stellt, weniger wertvoll als beispielsweise ein Geschäftsführer?
  • Hat ein Mensch nur dann eine Daseinsberechtigung, wenn er leistet?

Die Antwort ist Nein. Wert entsteht nicht durch Leistung, sondern durch Persönlichkeit, Beziehungen und die Art, wie wir mit anderen umgehen. Somit ist dieser Glaubenssatz zwar mächtig, aber nicht unveränderlich. Wenn wir ihn erkennen und hinterfragen, können wir Maßstäbe für Wert und Selbstwertgefühl setzen.

Vergesse dabei bitte nie:

  • Du bist wertvoll, weil du da bist. Allein deine Anwesenheit, dein Sein, wärmt bei jemandem in deinem Umfeld sicherlich das Herz ganz dolle.
  • Du bist wertvoll, weil du in der Lage bist, zu fühlen. Deine Erfahrungen, deine Empathie und dein Mitgefühl sind etwas, das die Welt braucht. Nur gemeinsam können wir uns gegenseitig stärken und unsere Welt nach außen tragen, um damit Verständnis und Sichtbarkeit zu schaffen.
  • Du bist wertvoll, weil du selbst kleine Schritte als Erfolg ansiehst. Vielleicht „funktionierst“ du nicht mehr wie früher – aber du atmest, du gibst jeden Tag dein Bestes, du lässt dich nicht unterkriegen und gibst dabei die Hoffnung auf eine Verbesserung deines Gesundheitszustandes nicht auf.

Warum definieren wir unseren Wert über Leistung?

Klare Meinung: Wir wurden jahrelang darauf trainiert. Von klein auf bekamen wir Sätze wie diese zu hören:

  • „Streng dich an, dann kommst du weiter und erreichst später etwas!“
  • „Nur wer hart an sich arbeitet, verdient Erfolg.“
  • „Wer erfolgreich ist, ist wertvoll.“
  • „Wer nichts leistet, ist eine Belastung.“

Doch was ist, wenn auf einmal der Körper und/oder der Geist zusammenbricht und keine Leistung mehr erbringen kann? Wenn die Frage im Kopf herumspukt: Wer bin ich noch, wenn ich nicht mehr produktiv sein kann? Was, wenn das Gefühl der Angst hinzukommt und die Fragen: Werde ich jemals wieder gebraucht? Werde ich geliebt, meiner selbst willen?

Es fühlt sich so an, als würde man nicht mehr dazugehören. Die Welt dreht sich unermüdlich weiter, während man selbst am Rand steht und zusieht. Und mit jeder verpassten Gelegenheit, bei der man sich nicht einbringen oder auch daran teilnehmen kann, wachsen die eigene Unsicherheit und der Selbstzweifel.

Doch ändere mal die Perspektive: Du bist nicht wertlos, weil du dich infrage stellst. Es sind die Maßstäbe, mit denen du dich misst.


Seitliches Profil einer Frau mit rostrotem Rollkragenpullover und weißer Tasche. Sie blickt mit geschlossenen Augen auf.

„Der Wert eines Menschen liegt nicht in dem, was er tut, sondern in dem, was er macht.“

– Autor unbekannt –

Was Leistung wirklich bedeutet – auch und besonders mit chronischer Krankheit

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Das bedeutet: Wer leistet, gehört dazu. Wer nicht leistet – aus welchem Grund auch immer – steht schnell am Rand. Leistung wird dabei oft reduziert auf messbare (Arbeits)Ergebnisse, auf das, was wir in unserem Job, im Alltag oder in der Partnerschaft/in der Erziehung „produzieren“. Doch Leistung ist so viel mehr. Sie umfasst beispielsweise auch soziale Kompetenzen, kreative Ideen, emotionale Stärke – all das, was uns als Menschen ausmacht.

Wir leben in einer Gesellschaft, die uns glauben lässt, (Arbeits)Leistung sei objektiv messbar. Doch die Wahrheit ist: Sie ist eine Illusion. Denn viele Faktoren beeinflussen unsere Leistungsfähigkeit, die außerhalb unserer Kontrolle liegen: Gesundheit, das (unterstützende) Umfeld und ja – auch Zufälle. Wenn wir uns nur über unsere (Arbeits)Leistung definieren, tappen wir in eine gefährliche Falle. Wir setzen uns dem Druck aus, ständig abliefern zu müssen. Dabei riskieren wir, uns bei Misserfolgen wertlos zu fühlen.

Was kann man dagegen unternehmen?

Unser Wert als Mensch hängt nicht von unserer (Arbeits)Leistung ab. Jeder von uns ist einzigartig und wertvoll, ganz unabhängig davon, was wir leisten. Diese Erkenntnis ist befreiend und ermöglicht uns einen gesünderen Umgang mit Leistung:

  • Befreien wir uns vom Leistungsdruck. Wir müssen nicht konstant Höchstleistungen erbringen. Es ist in Ordnung, Pausen zu machen, sich zu erholen und evtl. einfach mal nichts zu tun.
  • Konzentrieren wir uns auf unsere Stärken und Werte: Was macht uns wirklich aus? Wenn wir uns darauf konzentrieren, fühlen wir uns erfüllter und weniger abhängig von äußeren Bewertungen.
  • Nehmen wir uns Zeit für Selbstfürsorge: Achten wir auf unsere körperliche und seelische Gesundheit. Tanken wir Energie, wenn wir es brauchen.
  • Verabschieden wir uns vom Perfektionismus: Niemand ist perfekt. Fehler sind menschlich und gehören zum Leben dazu. Sie sind Chancen, um zu lernen und zu wachsen.

Was wir in Bezug auf Leistung übersehen:

Leistung muss neu definiert werden.

Das gilt vor allem bei Menschen mit chronischen und unsichtbaren Erkrankungen. Denn es ist bereits eine wahnsinnige Leistung, wenn du

  • mit einer chronischen und unsichtbaren Erkrankung wie Long-/Post Covid und ME/CFS dein Bett verlassen kannst
  • beim Zähneputzen oder Anziehen deiner Kleidung nicht mehr als 2 Pausen brauchst (lies hierzu auch gerne meinen Blogartikel zu Selbstfürsorge-Tipps)
  • von deinen Hausklamotten zu Alltags- bzw. Ausgehkleidung wechselst
  • allein deine Termine wahrnehmen kannst, ohne dass dich jemand fahren muss
  • ohne jegliches Hilfsmittel wie z. B. Hocker oder dergleichen dein Essen zubereitest
  • Gespräche führen und aktiv zuzuhören kannst
  • den Abend mit deinen Liebsten verbringen darfst und nicht allein und abgeschirmt von TV & Co im Bett liegen musst
  • bei Sonnenschein die Terrasse/den Balkon genießen darfst und dich die Naturgeräusche oder auch die Wärme der Sonne nicht überfordern
  • Kinder erziehst und trotz Erkrankung für sie da bist

Wertlos fühlen: Strategien gegen das Gefühl der Wertlosigkeit. So fängst du an

  1. Definiere deinen eigenen Wert neu
    • Leistung ist nicht gleich Wert. Aber was dann? Mach dir eine Liste und überlege dir, was andere an dir schätzen. Ist es dein Humor? Dein Einfühlungsvermögen? Deine Ehrlichkeit? Dein Blick auf die Welt? 
  2. Behandle dich selbst wie einen Freund/eine Freundin
    • Was würdest du einem geliebten Menschen sagen, wenn er sich wertlos fühlt? Würdest du ihm sagen: „Ja, du bist nichts mehr wert?“ Nein. Du würdest ihn in den Arm nehmen und ihm sagen, dass sein Wert nicht in seiner Leistung liegt, sondern in seinem Sein/seinem Wesen. Warum also nicht dasselbe für sich selbst tun?
  3. Nimm Hilfe an und verstecke dich nicht mehr
  4. Finde neue Rollen
    • Ja, dein Leben hat sich verändert. Aber bedeutet es wirklich, dass es nichts mehr für dich bereithält? Vielleicht hast du durch deine Erkrankung Erfahrungen gesammelt, die anderen helfen können. Eventuell hast du dadurch eine Stimme, die gehört werden muss. Und möglicherweise gibt es eine Aufgabe, die du trotz deiner Erkrankung erfüllen kannst – nur anders als bisher. Identität ist nichts Festes. Sie darf sich verändern.
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Fazit: Ein Leben auch jenseits des Leistungsgedankens ist wertvoll

Der Gedanke „Bin ich noch etwas wert?“ wird vermutlich nicht von heute auf morgen verschwinden. Aber jedes Mal, wenn er auftaucht, kannst du ihm antworten: „Ja, ich bin wertvoll. Nicht, weil ich etwas leiste, sondern weil ich bin.“

Es gibt so viele Arten, ein erfülltes Leben zu führen. Lass dir nicht von alten Denkweisen vorschreiben, welche davon richtig sind. Denn dein Wert war nie an deine Leistung gebunden. Leistung ist ein Teil von uns, aber sie definiert nicht unser Wesen. Wir sind Menschen mit Gefühlen, Bedürfnissen und Träumen. Und wir haben das Recht, glücklich und zufrieden zu sein – unabhängig davon, was wir leisten.

Durchbrechen wir gemeinsam diese alten, überholten Gedanken. Wenn du dich das nächste Mal wertlos fühlst, reflektiere und atme ein paar Mal tief ein und aus. Erinnere dich daran, dass dein Wert nicht von deiner(Arbeits)Leistung abhängt.

Was gibt dir das Gefühl, wertvoll zu sein – ganz unabhängig von deiner Leistung? Schreibe es gerne in die Kommentare.


Über die Autorin

Ich bin Severine Tanja Rein und lebe seit April 2021 mit der Diagnose Post-/Long Covid und ME/CFS.

Auf meinem Blog atemdenkschaltwerk teile ich meine Gedanken, Erfahrungen, Strategien und inneren Prozesse aus meinem Alltag mit chronischer Krankheit. Mein Ziel dabei ist, chronische und unsichtbare Krankheiten sichtbarer zu machen. Denn wir sind mehr als unsere Symptome. Unsere Geschichten verdienen es, gehört zu werden.

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